Etwa um diese Zeit im Jahr 2009 bekam ich die Gelegenheit, das Concertino in Es für Klarinette von Carl Maria von Weber mit dem Schulorchester des Gymnasiums, auf dem ich zu der Zeit war. Damals war es eine Art Tradition im Schulorchester, dass einem oder zwei Mitgliedern aus dem Abiturjahrgang die Möglichkeit gegeben wurde, ein Solostück mit dem Orchester zu spielen. Für mich war das damals eine grandiose Sache, die mit einem riesigen Motivations- und Selbstbewusstseinsschub einherging.
Das Concertino selbst mag ich bis heute sehr gerne. Eine Zeit lang war es das Stück, das ich von vorne bis hinten mit Abstand am besten kannte, mittlerweile habe ich es zu lange nicht ernsthaft gespielt, habe es aber immer noch ziemlich genau im Ohr. Mehrere Jahre später kramte ich das Concertino für das Vorspiel bei meinem aktuellen Orchester noch einmal heraus, und ich bin bis heute der Meinung, dass ich Introduktion, Thema und erste Variation (weiter kam ich nicht) nie besser gespielt habe, als damals, abends um acht beim Vorspiel für ein Uniorchester, für das ich mich bei weitem nicht gut genug fühlte.
Ich mag das Concertino, weil es typisch Weber ist – romantisch, aber nicht kitschig-romantisch, sondern in vielen Aspekten noch sehr klassisch geprägt; irgendwie linear und logisch und nett. Es ist vielleicht nicht mein liebstes Stück, das ich je gespielt habe, aber es hat mich in meiner Entwicklung und Klarinetten-Karriere bisher treu begleitet und wird in meinem Ranking der Klarinetten-Solowerke immer vor den „großen“ Weber-Konzerten und vor dem Dauerbrenner, der das Mozart-Klarinettenkonzert ist, kommen.
Ich möchte allerdings einen kleinen Bogen schlagen und den heutigen Blogpost nicht nur einem Stück widmen, sondern auch einer Person: meinem ehemaligen Musiklehrer.
Wenn ich von meinen zahlreichen musikalischen Aktivitäten in der Schule erzähle, werde ich oft gefragt, ob ich auf einem Musikgymnasium war. Nein, war ich nicht, meine Schule hatte, soweit ich weiß, keinen offiziellen Schwerpunkt. Nur eine Handvoll Musiklehrer, die ihren Job sehr, sehr gern hatten. Auf unserer Schule war es ganz selbstverständlich, dass es ein Schulorchester gab, eine Bigband, einen Chor, dass jedes Jahr für interessierte Oberstufler ein Musik-Leistungskurs angeboten wurde. Alle zwei Jahre wurde ein Musical einstudiert, an dem sicherlich ein Viertel der Schülerschaft aktiv beteiligt war.
Das Herzstück dieses Musikkollegiums war Herr S.
Herr S. übte seinen Beruf mit einer Liebe und Leidenschaft aus, die man vom durchschnittlichen Lehrer an einem deutschen Gymnasium gar nicht kennt. Ich kannte ihn zuerst aus dem Schulorchester, das er jahrelang leitete, ehe ich in der Oberstufe schließlich selbst anderthalb Jahre lang bei ihm Unterricht hatte. Im Schulorchester sammelte ich meine ersten Orchestererfahrungen, und ich werde nie vergessen, wie viel Zeit, Energie und Herzblut Herr S. in dieses Orchester gesteckt hat. Natürlich lief nicht immer alles perfekt. Zum Beispiel neigte Herr S. dazu, sich ab und zu komplett zu verdirigieren – meistens, wenn er versuchte, einer bestimmten Stimmgruppe mit seinem Dirigat zu helfen und sich dann selbst verzettelte, was darin endete, dass alle sehr verwirrt voneinander waren. Wozu Herr S. auch neigte war, sehr leidenschaftlich in der Musik aufzugehen. Dass zwischendurch aus Versehen sein Taktstock durch die Gegend flog und im Orchester oder sogar im Publikum landete, kam schon mal vor. Eigentlich machte aber genau das den Charme aus – und ein bisschen die Spannung; man wusste nie so genau, was als nächstes passiert.
Es gab so manch einen Musik- und Instrumentallehrer in meinem Leben, aber kaum jemand hat mir den Spaß und die Liebe zur Musik so nachhaltig vermittelt, wie Herr S.
Ein Happy End der Geschichte gibt es nicht… oder vielleicht doch, vielleicht das happieste aller Enden.
Herr S. ist im September 2012 verschieden, noch bevor er in eine wohlverdiente Rente hätte gehen können. Die letzte Aufführung des damaligen Schulmusicals, zwei Tage vor seinem Tod, wurde ihm via Skype ins Krankenhaus gestreamt.
Was übrig bleibt sind zahlreiche ehemalige Schüler, in deren Herzen wie eine warme, unauslöschliche Flamme die Liebe zur Musik brennt, die damals in der Schule als kleiner Funken entfacht wurde, oder als winziges Flämmchen gehegt und gepflegt und gestärkt wurde. Was übrig bleibt, ist vielleicht nichts Grandioses, was auf den ersten Blick sichtbar ist, aber dafür viele junge und nicht mehr ganz so junge Menschen, deren Leben nachhaltig geprägt und inspiriert wurde. Von jemandem, der nicht nur seine eigene Leidenschaft unglaublich gut vermitteln konnte, sondern der auch immer an seine Schüler geglaubt und ihnen vertraut hat. Der uns immer einen großen Teil der Verantwortung selbst hat tragen lassen, uns immer ernst und wichtig genommen hat, und uns trotzdem, wenn wir es brauchten, sanft und ein bisschen energisch den Weg gezeigt hat.
Das Concertino für Klarinette von Carl Maria von Weber ist, für sich selbst genommen, kein besonders emotionales Stück. Aber für mich wird es immer ein Stück Erinnerung beinhalten: an meine musikalischen Anfänge; an das erste symphonische Orchester, in dem ich gespielt habe, mag es auch noch so klein gewesen sein; und an die Person, die mir und meinen Fähigkeiten genug Vertrauen entgegen gebracht hat, um mich in einer riesigen Kirche voller Publikum mit dem gesamten Orchester im Rücken Solo spielen zu lassen.
Wo auch immer mein weiterer musikalischer Weg mich hinführt – danke, Herr S. Denn zu einem Teil ist es auch Ihr Verdienst.
Sonntag, 4. Dezember 2016
Samstag, 3. Dezember 2016
Musikecke: Die Moldau
In Anbetracht der fortgeschrittenen Stunde habe ich
mir für meinen zweiten Blogpost des Tages ein Stück ausgesucht, zu dem ich gar
nicht so viel zu sagen habe, weil ich es sehr schwierig finde, meine Gefühle in
Worte zu fassen. Das macht aber nichts, weil ich finde, dass man in dem Fall
die Musik für sich selbst sprechen lassen kann.
Es handelt sich um Die Moldau von Friedrich Smetana.
Leider hatte ich noch nicht das Vergnügen, das Stück selbst im Orchester zu spielen. Ich kam zum ersten Mal im Musikunterricht in der Mittelstufe damit in Berührung, als wir über Programmmusik sprachen; seitdem habe ich es viele, viele Male gehört.
Nachdem ich gerade vorher über die Fledermaus geschrieben habe, kommt es mir vor, als könnte der Kontrast zur Moldau nicht größer sein. Während die Fledermaus meine Gute-Laune-Musik, mein Spaßstück ist, lege ich die Moldau auf, wenn ich etwas zum Träumen und Abschalten brauche - und manchmal, wenn ich in der Situation bin, dass ich gerne weinen möchte und einen Anstoß brauche.
Für mich ist die Moldau gleichermaßen real und fantastisch, was ein bisschen schwer zu erklären ist. Auf eine Art ist sie sehr greifbar, als könnte ich mich einfach irgendwo an der echten Moldau ans Ufer stellen und meine Hand ins Wasser halten, und die Musik würde mich von dort aus überspülen. Auf der anderen Seite hat das Stück auch etwas Surreales, etwas, was nicht von dieser Welt ist; wie ein Märchen von einem Fluss durch ein Elfenreich. Insgesamt ist die Moldau für mich pure Melancholie, und ich weiß gar nicht mal so recht, warum.
Für diesen Post habe ich die Geschichte, die das Stück erzählt, noch einmal nachgelesen, aber im Grunde hätte ich es gar nicht tun brauchen. Die Geschichte steht für mich ganz klar und deutlich in der Musik, als würde vor meinen Augen ein Film ablaufen: wie die beiden kleinen Quellen entspringen, verträumt vor sich hinsprudeln, sich schließlich zu einem Fluss vereinen. Wie der Fluss sich seinen Weg bahnt durch die imposante tschechische Landschaft. Der fröhliche Hochzeitstanz am Flussufer. Der nächtliche Reigen der Nymphen im Mondschein über der Wasseroberfläche. Die turbulenten Stromschnellen, die pompöse Ankunft in Prag, und schließlich fließt die Moldau weiter, und irgendwo in der Ferne kann man erahnen, wie sie in die Elbe mündet.
Mit Abstand mein Lieblingsmoment im Stück ist der Anfang; die kurze Introduktion und dann der Übergang ins Thema. Man kann es sich so gut vorstellen, wie am Anfang nur die Flöten in stetiger Bewegung die beiden Quellflüsse darstellen, und mit der Zeit wird die Instrumentierung immer breiter, immer fließender, bis sich bei 0:54 endlich die beiden Quellflüsse getroffen haben und dann bei 1:00 das Moldau-Thema erklingt.
Es gibt diese ganz besonderen Momente in der Musik, die einem, egal wie oft man sie gehört hat, immer wieder eine Gänsehaut verschaffen. Dies ist einer davon.
(Fun Fact: beim Schreiben dieses Posts hörte die Verfasserin das betreffende Musikstück und musste heulen. :D)
Es handelt sich um Die Moldau von Friedrich Smetana.
Leider hatte ich noch nicht das Vergnügen, das Stück selbst im Orchester zu spielen. Ich kam zum ersten Mal im Musikunterricht in der Mittelstufe damit in Berührung, als wir über Programmmusik sprachen; seitdem habe ich es viele, viele Male gehört.
Nachdem ich gerade vorher über die Fledermaus geschrieben habe, kommt es mir vor, als könnte der Kontrast zur Moldau nicht größer sein. Während die Fledermaus meine Gute-Laune-Musik, mein Spaßstück ist, lege ich die Moldau auf, wenn ich etwas zum Träumen und Abschalten brauche - und manchmal, wenn ich in der Situation bin, dass ich gerne weinen möchte und einen Anstoß brauche.
Für mich ist die Moldau gleichermaßen real und fantastisch, was ein bisschen schwer zu erklären ist. Auf eine Art ist sie sehr greifbar, als könnte ich mich einfach irgendwo an der echten Moldau ans Ufer stellen und meine Hand ins Wasser halten, und die Musik würde mich von dort aus überspülen. Auf der anderen Seite hat das Stück auch etwas Surreales, etwas, was nicht von dieser Welt ist; wie ein Märchen von einem Fluss durch ein Elfenreich. Insgesamt ist die Moldau für mich pure Melancholie, und ich weiß gar nicht mal so recht, warum.
Für diesen Post habe ich die Geschichte, die das Stück erzählt, noch einmal nachgelesen, aber im Grunde hätte ich es gar nicht tun brauchen. Die Geschichte steht für mich ganz klar und deutlich in der Musik, als würde vor meinen Augen ein Film ablaufen: wie die beiden kleinen Quellen entspringen, verträumt vor sich hinsprudeln, sich schließlich zu einem Fluss vereinen. Wie der Fluss sich seinen Weg bahnt durch die imposante tschechische Landschaft. Der fröhliche Hochzeitstanz am Flussufer. Der nächtliche Reigen der Nymphen im Mondschein über der Wasseroberfläche. Die turbulenten Stromschnellen, die pompöse Ankunft in Prag, und schließlich fließt die Moldau weiter, und irgendwo in der Ferne kann man erahnen, wie sie in die Elbe mündet.
Mit Abstand mein Lieblingsmoment im Stück ist der Anfang; die kurze Introduktion und dann der Übergang ins Thema. Man kann es sich so gut vorstellen, wie am Anfang nur die Flöten in stetiger Bewegung die beiden Quellflüsse darstellen, und mit der Zeit wird die Instrumentierung immer breiter, immer fließender, bis sich bei 0:54 endlich die beiden Quellflüsse getroffen haben und dann bei 1:00 das Moldau-Thema erklingt.
Es gibt diese ganz besonderen Momente in der Musik, die einem, egal wie oft man sie gehört hat, immer wieder eine Gänsehaut verschaffen. Dies ist einer davon.
(Fun Fact: beim Schreiben dieses Posts hörte die Verfasserin das betreffende Musikstück und musste heulen. :D)
Musikecke: Die Fledermaus-Ouvertüre
Gestern musste
ich leider krankheitsbedingt eine kleine Pause einlegen – macht aber nichts,
dafür hole ich heute nach und blogge zweimal.
Nachträglich für
den zweiten Dezember habe ich mir das erste volle Orchesterwerk und einen
absoluten Dauerbrenner herausgesucht: die Ouvertüre zur Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauss.
Vorweg: Die
Fledermaus ist, meiner Meinung nach, ein großartiges Stück. Wenn ihr mal in
Wien seid und euch gern ein typisch wienerisches Kulturereignis geben wollt,
lege ich euch sehr Die Fledermaus in der Volksoper ans Herz. Die Geschichte ist
eine Verwechslungskomödie vom feinsten, absurd wienerisch, und die Musik ist
einfach schön. Einfach herzerwärmend schön. Man muss nicht mal ein großer Fan
geschweige denn Kenner von klassischer Musik sein, Strauss versteht man auch
so. Das ist einfach meine absolute Wohlfühlmusik. Wenn ich richtig blöd drauf
bin, setz ich mir die Kopfhörer auf und hör mich quer durch die Fledermaus,
dann vielleicht noch ein paar Polkas, und dann ist schon wieder alles nur noch
halb so doof.
Was nun die
Fledermaus-Ouvertüre angeht, ist sie für mich neun Minuten purer Spaß.
Ich hatte das
Glück, die Ouvertüre schon mehrfach spielen zu dürfen, in großem Orchester und
zuletzt in Quintettbesetzung; letzteres ist wahnsinnig lustig, ich würde aber
immer die große Besetzung vorziehen. Musikalisch ist sie natürlich von vorne
bis hinten ein bisschen überzogen, aber genau das macht für mich den Charme aus.
Die klassische/orchestrale Musik ist voll von komplizierten, tiefsinnigen
Stücken, die man stundenlang analysieren kann und die man erst ewig proben und
zerdenken muss, bis sie für einen Sinn ergeben. Die Fledermaus-Ouvertüre ist
definitiv keines dieser Stücke – und trotzdem wird sie mir auch beim
zwanzigsten Spielen und beim zweihundertsten Anhören nicht langweilig. Sie ist
einfach von vorne bis hinten voll von charmanten kleinen Scherzen, die übrigens
auch von jedem Dirigenten ein bisschen anders interpretiert werden und die auch
beim fünfzigsten Mal noch Spaß machen. Wie ein Insider mit einem guten Freund, über
den man still und heimlich in sich hineingrinsen muss.
Es fängt schon
am Anfang an – eine Sache, die ich glaube ich immer lustig finden werde, ist
eine absichtliche, brutale „Bremse“ in der Musik, hier zum Beispiel nach 0:24,
und noch mehr nach 1:01, mit dem demonstrativen Aufgang in den Streichern und
dann dem plötzlichen Tempowechsel bei 1:08. (Bei ca. 1:49 macht er es noch mal.
Ja, nee, es wird niemals alt werden.)
In der
Fledermaus-Ouvertüre kann ich mich auch nie entscheiden, welches der verbauten
Themen mir am besten gefällt. Das erste startet etwa bei 1:58 und ist so
richtig Salonorchester. Stellt euch ein nettes kleines Streichorchester vor,
während überall im Saal vornehme Herrschaften speisen. In diesem Zusammenhang
bekommt es allerdings einen leisen ironischen Anflug.
Dann kommt bei
3:05 natürlich der großartige Fledermaus-Walzer. Man nennt Johann Strauss II
nicht umsonst den Walzer-König – das ist ein Wiener Walzer, wie er im Buche
steht, von den Wiener Philharmonikern natürlich auch wundervoll zelebriert, so
wie es sich gehört. Ich bin insgesamt nicht der allergrößte Walzer-Fan, aber
den aus der Fledermaus finde ich sehr ansteckend, muss ich sagen.
Wer übrigens
nach 4:29 ganz genau auf die Klarinette hört – das ist etwas, was ganz
charakteristisch in die Klarinettenstimme notiert wird. Schöne gebrochene
Akkorde hoch und runter als Begleitung für die schöne schmalzige Melodie in
Oboe oder Geigen. Ist auf der Aufnahme zugegebenermaßen schwierig zu hören.
Das Thema ab
5:42 ist übrigens ein heißer Anwärter auf mein Lieblingsthema aus der
Fledermaus. In der Operette wird auf diese Melodie der Text „oh je, oh je, wie
rührt mich dies“ gesungen, allerdings in einem herrlich ironischen
Zusammenhang.
So ab 8:33 etwa
ist alles nur noch am Eskalieren und niemand gibt mehr irgendeinen Fick auf
irgendwas, weil es sowieso zu schnell für die Hirnkapazität ist. Wenn man es
selbst spielt, hat das zur Folge, dass man sich am Ende nach dem Schlusston ein
bisschen so fühlt, als wäre man gerade aus einer Achterbahn ausgestiegen: man
ist sich nicht ganz sicher, was gerade passiert ist, aber es war irgendwie
lustig.
Besondere Erwähnung
finden soll in diesem Zusammenhang noch die Stelle ab 8:51 mit der abartigen
Piccolo-Stelle. (Für alle Nicht-Musiker: Die Piccolo ist das, was absurd hoch
und absurd schnell über allem anderen drüber tanzt.) Damals, so zu Anfang
meiner Symphonieorchester-Karriere, als ich eigentlich noch viel zu schlecht
und unerfahren war, hatte ich das große Privileg, mit einer unglaublich
talentierten Piccoloflötistin zusammen zu spielen. Liebe Christine, für den
unwahrscheinlichen Fall, dass du das hier liest: diese Stelle wird mir für immer
von dir gespielt im Ohr bleiben.
Ich wünsche
jedem Menschen auf dieser Erde, dass er ein Musikstück findet, das ihm so viel
Spaß bereitet, wie mir die Fledermaus-Ouvertüre.
Donnerstag, 1. Dezember 2016
Musikecke: Jonathans Melodie
Vor einer
kleineren Weile habe ich schon mal (laut) darüber nachgedacht, ob ich nicht
einfach regelmäßig ein bisschen über Musik bloggen soll. Ich habe eine relativ
enge Beziehung zur Musik, unter anderem zur Instrumental- und Orchestermusik,
und ich habe immer noch Lust, im Rahmen von diesem Blog ab und zu ein bisschen über meine
liebsten Musikstücke und meine Gedanken und Gefühle zu ihnen zu reden.
Ursprünglich
hatte ich ein derartiges Projekt im November starten wollen, während alle
anderen fleißig NaNo geschrieben haben. Aber das hab ich natürlich wieder nicht
geschafft, und deswegen habe ich mir überlegt, es einfach jetzt im Dezember als
eine Art musikalischen Adventskalender zu machen. Bin mir zwar noch nicht ganz
sicher, wie lange das klappen wird, aber man kann es ja mal versuchen!
Ich würde mich
natürlich freuen, wenn dadurch der eine oder anderen Leser von diesen Posts das
eine oder andere neue Musikstück kennen (und vielleicht schätzen) lernt.
Da es jetzt doch
schon recht spät ist, fange ich für den ersten Dezember ganz kurz und einfach
an, und zwar mit Jonathans Melodie. (Hier verlinkt in der Ouvertüre zum entsprechenden
Film.)
Jonathans
Melodie ist vom Soundtrack zu „Das fliegende Klassenzimmer“ von 2003 und wurde
komponiert von Niki Reiser, einem Schweizer Filmmusikkomponisten, von dem ich
persönlich ein großer Fan bin. Reisers Soundtracks sind in der Regel eher ein
bisschen zurückhaltend, leise und nachdenklich. Es sind keine Soundtracks für
große, actionlastige Blockbuster, aber das müssen sie ja auch nicht immer sein.
Ich finde, Reiser komponiert oft sehr filigran, mit zierlichen Melodien und
begrenzter Instrumentierung – von letzterem bin ich, wie viele wissen, die
schon musikalisch mit mir zu tun haben, oft gar nicht so ein großer Fan. In
diesem Fall dient es aber dem Zweck, und wenn man einen kleinkalibrigen,
nachdenklichen Film dreht, braucht man auch eine kleinkalibrige, nachdenkliche
Musik anstatt schwere Artillerie (= voller Blechsatz und Schlagwerk)
aufzufahren.
Speziell
Jonathans Melodie gefällt mir, weil sie so großartig nicht nur den Charakter
des Films, sondern auch den Charakter der Hauptfigur einfängt. Ich muss
gestehen, ich habe Lücken bezüglich der Kenntnis der Romanvorlage, aber dafür
kenne ich den Film ganz gut. Der Jonathan Trotz aus dem Film ist, trotz seiner
Impulsivität und vielleicht einem kleinen Hang zum Jähzorn, ein sehr
philosophisches Kind. Er zieht so still und leise sein Ding durch irgendwie,
und genau das macht „sein“ Thema auch.
Das Stück ist
hochgradig melodisch und harmonisch stimmig; mir gefallen besonders die Wechsel
zwischen Dur und Moll, die ganz natürlich und fließend passieren. Hier wird
nicht musikalisch etwas Großartiges lautstark angekündigt – aber wenn man genau
hinhört, dann merkt man beim dritten oder vierten Mal, wie filigran und
raffiniert hier doch alles miteinander verflochten ist. Natürlich sind die
großen, pompösen Geschichten spannend, aber der ganze Film hat eigentlich die
Aussage, dass manchmal auch in einer kleinen, individuellen Geschichte etwas
Großartiges liegen kann. Jonathans Melodie hat etwas sehr persönliches an sich,
und deshalb liebe ich sie so. Sie ist ein bisschen melancholisch, ein bisschen
störrisch, ein bisschen neugierig, ein bisschen philosophisch, ein bisschen
verschmitzt, und überspannend über all dem ist sie auch weich und warm und
verspielt. So wie die Gefühlswelt eines Kindes.
Der Film beginnt
tatsächlich mit einem Kästner-Zitat, übrigens, und zwar mit folgendem:
„Wie kann ein
Erwachsener seine Jugend so vollkommen vergessen, dass er eines Tages überhaupt
nicht mehr weiß, wie traurig und unglücklich Kinder bisweilen sein können? Es
ist nämlich gleichgültig, ob man wegen einer zerbrochenen Puppe weint, oder weil
man, später einmal, einen Freund verliert.“
An dieses Zitat
muss ich im Zusammenhang mit ‚Jonathans Melodie‘ immer denken. Der Soundtrack
aus dem Fliegenden Klassenzimmer gehört auf jeden Fall bis heute zu meinen
allerliebsten Filmsoundtracks.
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